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Anne Molieres Agentur vermittelt Seitensprünge und registriert wachsendes weibliches Interesse an "verhängnisfreien Affären" VON PETRA MIES Anne weiß, was Frauen wünschen. Im Geheimen, oft nicht einmal der besten Freundin anvertraut, aber inniglich. Keine Brillis, keine neuen Schuhe nähren diese weiblichen Fantasien, nein: Die Frauen träumen von einem fremden Mann im Bett. Und diesen Wunsch erfüllt ihnen "Annes Seitensprung Agentur und Partnervermittlung" gern und diskret.
Agentur-Gründerin Anne Molière, so ihr Pseudonym, geleitet lächelnd ins Wohnzimmer des Reihenhauses in Hannover, in dem sie mit ihrem Partner und vier der sechs Kinder aus früheren Beziehungen lebt. Die 46-Jährige ist eine attraktive, lebenskluge Rothaarige mit ruhiger Stimme. Sie bietet Kaffee und Wasser an, blickt offen. "Viel Spaß im Puff", hatten männliche Kollegen den Besuch bei Anne Moliere zuvor scherzhaft kommentiert. Aber Anne Moliere sieht nicht wie eine Puffmutter aus. Und sie ist auch keine. Weibliche Kolleginnen schwiegen, um mitunter anschließend die Internet-Adresse der Agentur zu erbitten. Neugierig waren alle.(Frankfurter Rundschau online 2004, Erscheinungsdatum 27.11.2004) Die Geschäftsidee, mit der Anne Moliere gutes Geld verdient, polarisiert. Sie lacht. "Ich bin an schlüpfrige Sprüche gewöhnt." Ihr Erfolg beweist, dass sie wirklich weiß, was eine wachsende Zahl von Frauen wünscht, dass sich diese Frauen aber nur trauen, wenn ihr Seitensprung organisiert, gesichert und verwaltet ist. Ausgelebtes Begehren gegen Kasse. Wobei bei Anne nur die Männer zahlen. "Ich bin für die Frauen da." Sie schenkt Kaffee nach. Der Kick, das Abenteuer, ein Ausbruch aus der Einsamkeit in der Zweisamkeit: Die Motive der Kundschaft kreisen weitgehend um das Gleiche. Bleibt die heimische Bett-Kiste kalt oder allenfalls lauwarm, soll der Seitensprung die Leidenschaft wieder anheizen oder zumindest ein Abenteuer gegen häusliche Langeweile liefern. Anne Molieres Agentur versteht sich als "Forum", um den Seitensprung "hundertprozentig diskret" zu organisieren. Das Fremdgehen per Vermittlung bietet nach Auffassung der Chefin die Möglichkeit, "Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse auszuleben, die in der Partnerschaft tabu sind". Mit Moral muss Anne Moliere niemand kommen. In ihrem Buch schreibt sie über den mit ihrer Hilfe organisierten Ehebruch in Serie: "Die vielen Kritiker meiner Agentur sollten sich vor Augen führen, was diese Tatsache eigentlich auslöst. Ich denke, kein Mann und auch keine Frau entschließt sich zu so einem Schritt, wenn die Beziehung zum Partner total in Ordnung ist." Im Gespräch ergänzt sie: "Wenn ringsherum alle Ehen prima wären, bitte schön. Sie sind es aber nicht. Sonst würde nicht der Wunsch entstehen, sich woanders das zu holen, was zuhause nicht zu bekommen ist." Die Chefin der etwas anderen Agentur pocht überdies auf Zahlen, laut denen "Untreue im Trend liegt und auch in Deutschland längst kein Tabu-Thema mehr ist". Denn: "49 Prozent der deutschen Männer und 37 Prozent der Frauen waren schon einmal während ihrer Ehe oder in einer festen Partnerschaft untreu." Sie lächelt. "Die Seitensprung-Dunkelziffer in einem Land, in dem jede zweite oder dritte Ehe geschieden wird, ist aber bestimmt noch größer." Anne Moliere lebt mit ihrem Partner, zwei Hunden, zwei Katzen und den vier Kindern zusammen. Ihre beiden Kinder stammen aus ihrer geschiedenen Ehe, ihr Partner hat vier Kinder mit in die Beziehung gebracht; die beiden Ältesten sind ausgezogen. "Ich bin sehr glücklich mit ihm, weshalb ich schon viele Angebote von Kunden ablehnen musste, die sich mit mir selbst treffen wollten", sagt sie und blickt ernst. "Aber keine Chance." Zur Agentur gehören Anne Moliere, ihr Partner, der sich überwiegend um die elektronische Ausstattung kümmert, fünf Mitarbeiterinnen, viele Computer und noch mehr Telefone. Ein Kommunikations- und Organisationsbetrieb. Weil die Agentur keine Laufkundschaft habe, "hat es auch noch nie ein Problem für unsere Kinder gegeben, die natürlich wissen, was wir hier machen". Angefangen hat Anne Moliere allein. Die Idee, Frauen zu möglichst verhängnisfreien Affären zu verhelfen, "ist vor sieben Jahren in meinem Kopf entstanden". Damals hat sie in Frauen-Selbsthilfegruppen gearbeitet. "Die Vereinsamung vieler Frauen in der Ehe gab mir zu denken." Zwar existierten bereits ähnliche Agenturen, "aber da waren Frauen nicht geschützt, weil ihre Telefonnummern an Männer weitergegeben wurden, was gefährlich ist, außerdem mussten sie bezahlen." Bei Anne Moliere bekommen nur Frauen die Daten der Männer, niemals umgekehrt. Anne Moliere hat ihr Projekt im Raum Hannover gestartet. Ausgestattet mit Telefon und Anrufbeantworter, schaltete sie Anzeigen. Heute operiert ihre Agentur bundesweit und hat mittlerweile viertausend Vermittlungen arrangiert. Es dokumentiert ein irritierendes gesellschaftliches Bedürfnis nach bezahlter Dienstleistung bis ins Intime, dass das Geschäft mit der Untreue derart brummt. Die Kunden sind zu 60 Prozent Männer und zu 40 Prozent Frauen. "Und Frauen ziehen ziemlich nach." Es hört sich nach Lob an. Die gelernte Bankkauffrau hat eheliche Lieblosigkeit selbst erlebt. "Ich habe nur bis zum ersten Kind gearbeitet und saß dann zuhause. Wer den ganzen Tag nur Kindersprache hört und abends kein qualifiziertes Gespräch mit den Mann führen kann, weil der nur an seine Arbeit denkt und seine Ruhe will, kriegt die Krise." Ihr späteres ehrenamtliches Engagement im Frauenhaus-Telefondienst war ihr in der neuen Profession nützlich: "Anfangs habe ich hier manchmal bis abends um zehn Sorgentelefon gespielt, weil so viele Männer und Frauen mir ihre Probleme schildern wollten, aber das hat mich auf Dauer zu sehr belastet." Das Internet erleichtert ihr inzwischen das Gewerbe. Interessenten füllen dort Fragebögen mit ihren "Eckdaten" aus, können sie nach wie vor aber auch telefonisch durchgeben. Alter, Größe, Haarfarbe und Haarlänge bei "ihr", Größe, Figur und Alter bei "ihm". Keine Fotos, was bei etwas realitätsferner Selbstbeschreibung schon beim ersten Treffen zur unfeinen Flucht führen kann, wenn sich der Adonis oder die Traumfrau als allzu unansehnlich erweist. Das Telefonnummern-Feld bleibt bei Frauen leer. Männer zahlen halbjährlich 160, ganzjährig 210 Euro. Zwei respektive drei Vermittlungen in der gewünschten Region sind dabei frei, jede weitere Vermittlung kostet jeweils zwölf Euro. Wer bundesweit Seitenspringen will, zahlt 315 Euro für zwei Jahre. Das klingt kalt, unerotisch und nach bezahltem Sex mit Frauen, die sich doch wieder nur benutzen lassen. Aber Anne Moliere widerspricht energisch. "Da ist ganz viel Gefühl im Spiel." Und als gehobene Form der Prostitution sieht sie ihre Arbeit schon gar nicht: "Eine Professionelle sagt, ich nehme das Geld und spiele dir notfalls auch was vor, die Frauen in meiner Kartei sind wirklich ausgehungert, übrigens sagen auch immer mehr Männer, dass sie echte Leidenschaft spüren wollen." Wer in der Kartei steht, kann sich jederzeit melden, um zu sagen, dass er gern diesen Mann oder diese Frau mit folgender Kundennummer treffen will. "Wenn das Treffen arrangiert ist, entscheidet letztlich die Chemie, ob es nur ein Kaffeetrinken oder mehr wird." Anne Moliere blickt ernst. "Sex muss nicht im Vordergrund stehen, nach vielen Ehejahren tut es manchem Menschen schon gut, einmal wieder ausführlich über sich zu sprechen." Anders verhalte es sich mit den "One-night-stands" oder "Blind dates", die ihre Agentur organisiert, indem sie Ort und Zeit festlegt und das Erkennungszeichen weitergibt. "Das machen Leute, die einfach mal wieder ihren Akku aufladen wollen und dann gut weiterleben können. Aber auch bei ihnen kann sich das fremde Paar, das sich in einer Hotel-Rezeption trifft, nach dem Getränk trennen, wenn es keine Lust hat, zusammen ins Zimmer zu gehen." So oder so: Katzenjammer aufgrund schlechten Gewissens bekämen ihre Kundinnen und Kunden nur selten. "Meistens meldet sich das Gewissen eher vorher und dann sagen die Leute ab oder lassen sich wieder aus der Kartei nehmen." Siege die moralische Not vor einem Treffen, "sagen Frauen ehrlicher, dass sie kalte Füße bekommen haben, Männer schieben gern angebliche andere Termine vor". Es sei manchmal schwierig, sich für das heimliche Tête-à-tête freizumachen. "Vor allem für eine Frau, die sich um Kinder und Haushalt kümmert. Wenn sie sich plötzlich schicker anzieht und stundenlang aus dem Haus geht, fällt das auf." Alibi-Beratung macht die Agentur nicht. Aber Anne Moliere hat viel Erfahrung mit Seitensprüngen und Ängsten der Frauen, die sich das große Kribbeln nur mit dem Anker der Beratung trauen. Deshalb erwähnt sie mehrfach: "Niemals von einem ISDN-Anschluss aus wählen oder das Telefon so einstellen, dass die Nummer nicht angezeigt wird. Keine Telefonnummern herumliegen lassen, um nicht aufzufliegen. Außerdem rate ich Frauen aus Sicherheitsgründen dazu, sich zunächst dort mit dem Mann zu treffen, wo viel Publikum ist, auf keinen Fall beim ersten Mal zu ihm ins Auto zu steigen." Wohl auch aufgrund des Umstands, dass der Agentur alle Daten vorliegen, "ist zum Glück noch nie etwas Schlimmes passiert". Warum Menschen für etwas bezahlen, das sie auch kostenlos haben können, begründet Anne Moliere so: "In den meisten Ehen binden Kinder, Freundeskreis und Haus, das wollen viele aus Angst nicht aufgeben. Sind sie in der Partnerschaft ausgehungert, wollen sie den Partner aber nicht verlassen und trotz der Fassade ein wenig Spaß haben, fehlen ihnen die Gelegenheiten, einen anderen Menschen kennen zu lernen. Im privaten Umfeld ist das heikel. Frauen können beim Einkaufen oder Sport nicht einfach einen Bekannten ansprechen, das fiele auf." Da bleibe nur die Möglichkeit, eine Kontaktanzeige zu schalten "oder eine Agentur in Anspruch zu nehmen, was weniger aufwändig und sogar richtig bequem ist." Das klingt so, als helfe der Service, das sexuelle und emotionale Befinden der Republik ins Lot zu bringen. Zuständig ist die Agentur so lange, bis sie der Frau die Telefonnummer des Mannes gegeben hat, alles weitere ist Sache der Beteiligten. Sie können entscheiden, wie oft sie sich begegnen. "Es gibt keinerlei Verpflichtungen." Obwohl neuerdings auch eine "Partneragentur" zur ständig erweiterten Firma gehört, geht es beim Kerngeschäft, dem Seitensprung, nicht darum, den Partner fürs Leben zu finden, sondern um "Spaß und Abenteuer" ohne Vertrag und Perspektiven. "Auch wenn es natürlich schon vorgekommen ist, dass daraus eine große Liebe entstanden und die Ehe dadurch zerbrochen ist." Singles gehören ebenfalls zur Kundschaft aus allen Schichten: "Bei uns ist alles vertreten, wobei schon ein gemeinsames Niveau als Basis vorhanden sein muss". Die Hauptgruppe ist zwischen Mitte 30 und 50 Jahre alt. "Es geht aber schon bei Mitte 20 los, auch wenn ich mich und manchmal auch die jungen Leute frage, was sie eigentlich bei uns wollen." Anne Moliere schüttelt den Kopf. "Aussichtslos ist auch der Wunsch manches 75-Jährigen, eine 30-Jährige zu treffen." Sonst sei fast alles möglich. Ein Seitensprung werde auch gern mal vom eigenen Ehepartner zu Weihnachten verschenkt. Wobei zwischen dem fünften und achten Ehejahr, in dem auch das verflixte siebte liegt, "die meisten Seitensprünge vorkommen". Männern will die Frauenversteherin aber auch helfen. "Sie können einer Frau nichts vorspielen: Wenn sie die Partnerin nicht mehr begehren, geht gar nichts bei ihnen, da hilft ein Erlebnis mit einer anderen Frau zu erkennen, was sie an ihrer Ehefrau haben - oder eben auch nicht." Wohlbemerkt: gegen Kasse. Inzwischen hat sich die Chefin ein wenig aus dem laufenden Geschäft zurückgezogen, um sich neuen Angeboten zu widmen - "unsere Events". Die Männer-Castings etwa, die Mallorca-Wochenenden, Gruppenreisen mit Alles-ist-möglich-Faktor. Oder die "Super-Wochenenden" in deutschen Städten. Auch organisierte Besuche in ausgesuchten Swinger-Clubs in Begleitung des Agentur-Personals gehören zum Sonderprogramm. "Viele Frauen sind neugierig auf solche Clubs, trauen sich allein aber nicht dorthin." Mit "Kusshand" würden viele Kundinnen auch das Angebot annehmen, kostenlos einen Mann auf Reisen zu begleiten. Madeira, Kanarische Inseln, Karibik. Anne Moliere umarmt ihre Tochter, die gerade aus der Schule kommt. Die Managerin des Ehebruchs und anderer geheimer Vergnügungen ist eine warmherzige Mutter. Unten im Keller klingeln Telefone, laufen E-Mails ohne Unterlass ein. Anne weiß wirklich, was manche Frauen wünschen. Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004 Dokument erstellt am 26.11.2004 um 15:44:01 Uhr Erscheinungsdatum 27.11.2004 |
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